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Neustart!

Für die Zukunft

unseres Gesundheitswesens

Ein Gesundheitssystem für die Menschen gestalten – mit Mut für Veränderung und einer Politik der langen Linien

Gesundheit ist ein hohes Gut – für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft. Deutschland kann sich daher glücklich schätzen, ein im internationalen Vergleich leistungsfähiges Gesundheitssystem zu haben. Dennoch: Die aktuelle Corona-Pandemie überschattet die gesundheitspolitischen Debatten der letzten Jahre und Jahrzehnte und richtet das Vergrößerungsglas auf neue und alte Probleme. Das deutsche Gesundheitssystem steckt im Weiterentwicklungsstau.

Die Robert Bosch Stiftung hat 2018 die Initiative „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“ gestartet, um im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern und in der Zusammenarbeit mit Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis eine Verortung vorzunehmen und Anforderungen für ein zukünftiges Gesundheitssystem zu skizzieren.

„Neustart!“ ist der Versuch, aus der Mitte der Gesellschaft heraus Orientierung zu finden, Perspektiven für eine Gesundheitspolitik der langen Linien zu entwickeln und Mut zu machen für tiefgreifende Veränderungen. „Neustart!“ will Auslöser für einen großen Entwicklungsschritt des Gesundheitssystems sein. Für ein Gesundheitssystem, das diesen Namen zu Recht trägt.

Das Buch präsentiert die Ergebnisse der Initiative „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“, setzt Impulse für ein neues Fundament und die Aufgaben der Politik im Gesundheitsbereich.

Neustart! im Überblick

679

Bürgerinnen und Bürger

134

Expertinnen und Experten

1930

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

1011

Befragte Personen
(Forsa-Umfrage)

Wir haben die Bürger:innen gefragt

Wenn Sie an unser Gesundheitssystem denken, wie es heute ist: Müsste das Gesundheitssystem in Deutschland Ihrer Meinung nach in einigen Bereichen verändert werden, müsste es von Grund auf verändert werden oder sind im Großen und Ganzen keine Veränderungen nötig?

in einigen Bereichen
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von Grund auf
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nein, es ist keine Veränderung nötig
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weiß nicht
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Es wurden mehr als 1000 Bürgerinnen und Bürger nach einem möglichen Reformbedarf im Gesundheitswesen gefragt. Zwar hielten nur 16 Prozent der Befragten eine grundlegende Erneuerung des Gesundheitssystems für notwendig, gleichzeitig stimmte aber mit 69 Prozent die deutliche Mehrheit zu, dass in einigen Bereichen Veränderungsbedarf besteht. Nur 13 Prozent der Teilnehmenden waren der Auffassung, dass gar keine Veränderungen am bestehenden System erforderlich sind.

Bürger:innen und Expert:innen im Dialog

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In mehreren Podiumsdiskussion kamen Bürger:innen und Expert:innen ins Gespräch miteinander und haben Ideen und Impulse für die Neuausrichtung des Gesundheitssystems diskutiert.

Sieben Thesen
zur Neustart! Zukunftsagenda

Das deutsche Gesundheitssystem ist zwar leistungsfähig bei der Behandlung kranker Menschen, aber es erfüllt seine Aufgabe nicht, sie durch Information, Gesundheitsförderung und Prävention vor Krankheiten zu schützen. Es klingt paradox, aber im Mittelpunkt unseres Gesundheitssystems steht nicht die Gesunderhaltung der Menschen. Damit das deutsche Gesundheitswesen seinen Namen verdient und endlich den Blick darauf richtet, Krankheiten erst gar nicht entstehen zu lassen, braucht es eine dritte Revolution.

Die dritte Revolution: den Wechsel zu einem Gesundheits-System vollziehen!

Der stark ausgeprägte Wunsch der Bürger und Versicherten nach einem solidarischen und gemeinwohlorientierten Gesundheitssystem muss endlich Eingang in die Politik finden. Dazu gehört auch die ernsthafte Debatte über die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung für alle. Ebenso der Wunsch der Menschen nach Transparenz, Mitbestimmung und Kommunikation auf Augenhöhe mit den im Gesundheitswesen Tätigen.

Ein an Solidarität und Gemeinwohl orientiertes System sichern!

Versorgung muss vor Ort bei den Menschen starten können und leicht zugänglich sein. Sie verknüpft Prävention und Gesundheitsförderung mit medizinisch-pflegerischer Versorgung. Primärversorgungszentren, die in ihre Region gut eingebunden sind, können dies leisten. Regionen übernehmen Verantwortung, stärken die öffentliche Gesundheit und werden darin von einem nationalen Zentrum mit Verantwortung für öffentliche Gesundheit unterstützt.

Mit der Gesundheitsversorgung bei den Menschen ansetzen!

Gesundheit ist auf die Kooperation und Koproduktion aller Beteiligten angewiesen – in der Interaktion zwischen dem Patienten und seinen Helfern, in der Nachbarschaft und im informellen Engagement vor Ort, in der Gestaltung der regionalen Gesundheitsversorgung und in der Beratung von Entscheidungsträgern. Dazu müssen die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Partizipation auf allen Ebenen ermöglichen!

Gesundheitskompetenz, auch digital vermittelte Gesundheitskompetenz, ist wichtig für alle: für Bürger und Patienten, damit sie ihre Eigenverantwortung wahrnehmen und sich an der Gestaltung des Gesundheitswesens beteiligen können, ebenso wie für alle anderen, damit sie Zusammenhänge (besser) verstehen und vermitteln können. Investitionen in die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung, in höchste Qualifizierungsstandards der Gesundheitsberufe und in das Erlernen von Zusammenarbeit versprechen große Gewinne für die Gesundheit.

In Menschen und Qualität investieren!

Internationale Zusammenarbeit und Vernetzung sind unabdingbar, wenn es darum geht, auf Pandemien und Katastrophen vorbereitet zu sein. Dies gilt nicht nur im Zusammenhang mit der Bereitstellung von Materialien und Gütern, sondern auch auf dem Gebiet einer sicheren Digitalisierung und bei gemeinsamen Herausforderungen wie dem Klimawandel.

International zusammenarbeiten für Gesundheit!

Es muss gehandelt werden – aber nicht wie in der Vergangenheit in kleinteiligen, technokratischen Verbesserungsversuchen hier und dort, sondern mit Mut zu Weichenstellungen für große Ziele. Gefragt ist eine Politik der langen Linien, die nicht nur akute Krisen bewältigt, sondern für die Zukunft des Gesundheitswesens Rahmenbedingungen schafft, die Qualität weiterentwickeln und Innovation ermöglichen.

Jetzt handeln mit einer Politik der langen Linien!

I Stimmen aus dem Werk

Dr. med. Günther Jonitz

„Die zentralen Herausforderungen der Gesundheitspolitik liegen in einer besseren Strategie und in einem tatsächlich patientenorientierten System. Ohne diese wird es keine substantielle Reform unserer Patientenversorgung geben.“

Dr. med. Günther Jonitz

Präsident der Ärztekammer Berlin a. D.

„Wir möchten die grundlegenden Prinzipien der Solidarität, der Effizienz, der Effektivität behalten, sie aber ergänzen um den Wert der Humanität und der Patientenzentrierung.
Wir möchten eine neue Rolle des Datenschutzes finden. Kommunikation, Kooperation und Koordination sollen im Mittelpunkt stehen. Daran sollen sich auch die Vergütungssysteme ausrichten.“

Franz Knieps

Vorstand des BKK Dachverbandes

Franz Knieps
Franz Knieps

„Wir möchten die grundlegenden Prinzipien der Solidarität, der Effizienz, der Effektivität behalten, sie aber ergänzen um den Wert der Humanität und der Patientenzentrierung. Wir möchten eine neue Rolle des Datenschutzes finden. Kommunikation, Kooperation und Koordination sollen im Mittelpunkt stehen. Daran sollen sich auch die Vergütungssysteme ausrichten.“

Franz Knieps

Vorstand des BKK Dachverbandes

Dr. Julia Serong

„Die digitale Gesundheitskommunikation sollte auch in der medizinischen Aus- und Weiterbildung verankert werden.“

Dr. Julia Serong

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München

„Die Menschen müssen darauf vertrauen können, dass sie bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen versorgt werden und dabei keine weiteren Schäden erleiden.“

Dr. Ilona Köster-Steinebach

Geschäftsführerin im Aktionsbündnis Patientensicherheit

Dr. Ilona Köster-Steinebach
Dr. Ilona Köster-Steinebach

„Die Menschen müssen darauf vertrauen können, dass sie bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen versorgt werden und dabei keine weiteren Schäden erleiden.“

Dr. Ilona Köster-Steinebach

Geschäftsführerin im Aktionsbündnis Patientensicherheit

Dr. h. c. Helmut Hildebrandt

 „Wir müssen herauskommen aus den fragmentierten Zuständigkeiten, in denen der Patient die Therapeuten koordinieren muss.“

Dr. h. c. Helmut Hildebrandt

Vorstand der OptiMedis AG und Geschäftsführer der Gesundes Kinzigtal GmbH. Co-Vorsitzender der Gesundheitspolitischen Kommission der Heinrich-Böll-Stiftung; Vorstand des Bundesverbandes Managed Care.

Neustart! Zukunftsagenda:
Forderungen und Impulse im Überblick

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Megatrends –
wie sie die Zukunft der Gesundheitsversorgung beeinflussen

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Neustart! Grafik Megatrends
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Der massive Einsatz von Antibiotika in Medizin und Landwirtschaft hat dazu geführt, dass immer mehr Keime resistent sind. Die Folgen sind schwerwiegend: Neue, schwer einzudämmende Pandemien drohen, andere Behandlungsmethoden müssen erforscht und eingesetzt werden. Gesundheitssystem und Forschung müssen schnell reagieren. Erforderlich ist, die internationale Kooperation unter dem „One Health“-Ansatz zu stärken.

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Die alternde Gesellschaft stellt das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen: Die Zahl der Pflegebedürftigen und chronisch Kranken wird ebenso steigen wie der Finanzierungsdruck oder der Fachkräftemangel. Denn auch das medizinische Personal „ergraut“. Es braucht mehr Prävention, Multiprofessionalität und ein gutes Zusammenspiel der Gesundheitsberufe.

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Zunehmend zeigt sich, wie sehr die Menschheit die natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten beeinflusst und beeinträchtigt. Vom Verlust der Biodiversität bis zur Klimakrise: Die negativen Folgen für die Gesundheit weltweit, für die sozialen und ökonomischen Verhältnisse sind kaum absehbar. Sicher ist, dass sich das Gesundheitssystem in Deutschland, aber auch global, neuen Aufgaben stellen muss.

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Verschiedene, teilweise widersprüchliche Tendenzen prägen derzeit die sozialen Beziehungen in allen Lebensbereichen weltweit: Ökonomisierung, Individualisierung und Ungleichheiten wachsen. Gemeinwohl und Solidarität werden immer weniger als gesellschaftliche Ziele verfolgt. Es entstehen neue kreative Bewegungen, die vorherrschende soziale Tendenzen in Frage stellen.

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Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eröffnen dem Gesundheitswesen neue Chancen für Diagnose und Therapie, bergen aber auch Risiken. Die systemweite Datennutzung löst traditionelle Versorgungsstrukturen auf. Das bisherige Rollenverständnis von Ärzten, medizinischem Personal und Patienten verändert sich. Neue Berufe entstehen, der „mündige Patient“ wird zum Experten in eigener Sache. Es gilt, Patientenrechte zu schützen und den Missbrauch von Daten zu verhindern.

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Der Einsatz von Gen- und Biotechnologien kann Diagnose und Therapie vieler Krankheiten entscheidend verbessern. Gleichzeitig wirft er aber auch neue Fragen auf – sowohl ethisch als auch finanziell. Die Frage, was gesund und krank ist, muss neu beantwortet werden. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist ungewiss, und neue individuelle Behandlungen erhöhen die Kosten.

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Privatisierung und Digitalisierung erfordern neue Regeln und eine flexible Governance im Gesundheitswesen, um aktiv auf neue Entwicklungen eingehen zu können. Dazu gehört insbesondere, die Privatisierung von Gesundheitsdienstleistungen zu regulieren, sowie das Empowerment der Bürger und Innovationen zum Wohle der Patienten zu fördern. Die Datenschutz-Grundverordnung setzt bereits Regeln für Datenerhebung, -speicherung und -nutzung.

II Stimmen aus dem Werk

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer

„Damit Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität der Pflege im Krankenhaus wirksam werden können und gute Pflege für Patient:innen auch erfahrbar sowie messbar wird und auch erwartet werden darf, muss es eine Strukturreform geben. Eine reine Erhöhung der Zahl der Pflegenden ist keine Lösung.“

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer

Professur für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Direktorin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft

„Ohne ausreichend Zeit können wir keine gute Medizin betreiben“

Prof. Dr. Giovanni Maio

Philosoph und Arzt, Lehrstuhl für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Prof. Dr. Giovanni Maio
Prof. Dr. Giovanni Maio

„Ohne ausreichend Zeit können wir keine gute Medizin betreiben“

Prof. Dr. Giovanni Maio

Philosoph und Arzt, Lehrstuhl für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch

„Neue Strukturen – insbesondere in der Primärversorgung – müssen der Fähigkeit zu Selbsthilfe und Selbstwirksamkeit und ihrer Stärkung mehr Raum geben.“

Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch

Institutsleiter und Lehrstuhlinhaber für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung Universität Witten/Herdecke

„Je mehr die Medizin vermag, desto schwieriger wird es, auf das Machbare im richtigen Moment zu verzichten.“

Prof. em. Dr. med. Daniel Scheidegger

1988 – 2013 Vorsteher des Departements Anästhesie und Intensivmedizin am Universitätsspital Basel. 2016—2020 Präsidenten der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW)

Prof. em. Dr. med. Daniel Scheidegger
Prof. em. Dr. med. Daniel Scheidegger

„Je mehr die Medizin vermag, desto schwieriger wird es, auf das Machbare im richtigen Moment zu verzichten.“

Prof. em. Dr. med. Daniel Scheidegger

1988 – 2013 Vorsteher des Departements Anästhesie und Intensivmedizin am Universitätsspital Basel. 2016—2020 Präsidenten der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW)

Sieben Forderungen
zur Neustart! Zukunftsagenda

Die flächendeckende Einführung von Primärversorgungszentren nach internationalem Vorbild bzw. dem PORT-Konzept ist aktuell noch mit erheblichen Rechtsunsicherheiten verbunden. Regulatorischer Handlungsbedarf besteht daher insbesondere in den folgenden Bereichen:

  • Primärversorgung sozialgesetzlich verankern als eine eigenständige kooperative und multiprofessionelle Versorgungsform im SGB V sowie in den nachgeordneten Vertragswerken.
  • Case Management sichern sowohl die Koordinierung für individuelle Patientenbegleitung entlang des Versorgungskontinuums als auch die Koordinierung des regionalen Gesundheitsnetzwerks des Zentrums erfordern eine regelhafte Finanzierung.
  • Community Health Nurse als Schlüsselrolle einführen: Die anspruchsvolle Koordinierung sollte durch Pflegefachkräfte mit Master-Abschluss erfolgen. Für ihren wirk samen Einsatz in der Primärversorgung ist eine berufsrechtlich geregelte Heilkundeübertragung als ergänzende Form der bestehenden Regelversorgung notwendig.
  • Fallkonferenzen unterstützen in Anlehnung z. B. an die Tumor-Boards müssen komplexe Patientensituationen auch in den Primärversorgungszentren im interprofessionellen Team besprochen werden können und eine angemessene Vergütung erfahren.
  • Modelle der integrierten Versorgung erleichtern durch eine höhere Standardisierung von sektorenübergreifenden (Selektiv-)Verträgen zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern verschiedener Versorgungsebenen.

Noch können Kommunen und Regionen nur bedingt die örtliche Gesundheitsversorgung mitgestalten. Für die Wahrnehmung einer solchen Aufgabe fehlen ihnen neben Kompetenzen zudem Informationen und Erfahrungen in der Umsetzung.

  • Kommune als Akteur der vertragsärztlichen Bedarfsplanung und Zulassungssteuerung: erfordert die Änderung des Grundgesetzes, alternativ könnten Handlungsmöglichkeiten der Länder im Rahmen des SGB V erweitern.
  • Qualitätsvergleiche ermöglichen: anhand internationaler Vorbilder freiwillige Qualitätsvergleiche anstoßen auf Grundlage gemeinsam entwickelter Parameter und zur Verfügung gestellter Daten.
  • Neue Governance- und Anreizmodelle erproben, die integrierte Versorgungsformen, populationsorientierte Ansätze und mehr Möglichkeiten der Partizipation begünstigen.

Ein neuer Akteur bzw. eine neue Struktur sollte den zukünftigen Stellenwert von öffentlicher Gesundheit verkörpern, als fachliche Leitstelle für den öffentlichen Gesundheitsdienst dienen sowie als unterstützende Instanz regionaler Qualitätsvergleiche und vernetzende Einrichtung fungieren.

  • Zielsetzung, Funktionen und institutionelle Aufhängung definieren: internationale Vorbilder können Orientierung geben.
  • Rolle innovativ gestalten: auf Grundlage einer digitalisierten Gesundheitsversorgung und eines digitalisierten öffentlichen Gesundheitsdiensts mit entsprechend neuen Möglichkeiten der Gesundheitsberichterstattung moderne Public Health-Ansätze verwirklichen.

Gesundheitskompetenz ist ein wesentlicher Baustein zur Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit und hilft dabei, trotz Erkrankungen gut zu leben. Es bedarf daher einer systematischen und institutionalisierten Vorgehensweise zur Förderung von Gesundheits-kompetenz in Deutschland.

  • Gesundheitskompetenz vorantreiben: ein Nationaler Aktionsplan Gesundheits-kompetenz liegt vor. In sieben Strategiepapieren sind Empfehlungen für verschiedene Zielgruppen und Handlungsfelder konkretisiert und vertieft. Diese müssen konsequent umgesetzt werden.
  • Gesundheitskompetenz finanzieren: Maßnahmen müssen abgerechnet werden können. Mögliche Anknüpfungspunkte sind z. B. die Prävention (§ 20 SGB V), die Selbsthilfe (§ 20h SGB V) und Patientenschulungen (§ 43 SGB V) oder eine eigene Verankerung von Gesundheitskompetenz in der Sozialgesetzgebung.
  • Gesundheitskompetenz institutionalisieren: Gesundheitskompetenz braucht Zuständigkeit und Verantwortlichkeit, etwa durch eigens bestimmte Abteilungen und Verantwortliche im Bundesgesundheitsministerium, bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder bei einer neu zu schaffenden Institution („Nationales Zentrum für Öffentliche Gesundheit“).

International ist Community Health Nursing ein bewährtes Konzept. Für eine Stärkung der Primärversorgung in Deutschland ist die Etablierung von Community Health Nurses ein Schlüsselelement. Eine vollumfängliche Etablierung erfordert eine adäquate gesundheitspolitische Weichenstellung:

  • Leistungserbringer im SGB V: als solche müssen Community Health Nurses genannt und etabliert werden.
  • Neues heilberufliches Ausbildungsgesetz auf Bundesebene: dadurch muss der Anforderung an eine Qualifizierung zum Community Health Nursing auf Master-Niveau Rechnung getragen werden.
  • Erlaubnis zur selbständigen Ausübung von Heilkunde: für diese Funktion in der primärmedizinischen Versorgung braucht es rechtliche Sicherheiten, welche
    durch gesetzliche Regelungen auf Bundesebene zu gewährleisten sind.

Überführung in die Regelversorgung: muss langfristig für das Community Health Nursing angestrebt werden

Eine gute Kooperation der Gesundheitsberufe, um bestmögliche Ergebnisse beim Patienten zu erreichen, wird immer wichtiger in einem komplexen und zunehmend digitalisierten Versorgungsgeschehen und muss für alle Beteiligten selbstverständlich werden.

  • feste Verankerung von interprofessionellen Lehr- und Lernkonzepten in der Aus- und Fort- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe, also in den Approbations-ordnungen und im Gesundheitsberufegesetz.
  • Rahmenbedingungen für eine Stärkung der interprofessionellen Kooperation schaffen: Behandlungs- und Therapiepläne gemeinsam ausarbeiten und für ihr Ineinandergreifen sorgen, Methoden wie „Shared Decision Making“ vermehrt einsetzen, Vergütung von multiprofessionellen Fallkonferenzen.
  • Alte Zöpfe abschneiden und Vokabeln wie Delegation und Substitution aufgeben: Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten der Gesundheitsberufe sollten im Hinblick auf ihren Beitrag im Versorgungsgeschehen neu geordnet werden, um das Potenzial aller Gesundheitsberufe bestmöglich ausschöpfen zu können.

Der Dauerpflegenotstand beeinträchtigt die Qualität der Gesundheitsversorgung und ist zugleich unwirtschaftlich, vor allem in einer zunehmend alternden Gesellschaft. Der bestehende Fachkräftemangel erfordert eine Kursänderung zu einer nachhaltigen Professionalisierung, um die breite Kompetenz der Pflegeberufe besser zu nutzen und weiterzuentwickeln:

  • Akademisierung ernsthaft vorantreiben: mit der Einrichtung einer ausreichenden Zahl von Studienplätzen, die eine Akademisierungsquote von 20 % ermöglichen. Primärqualifizierende Studiengänge brauchen eine Finanzierung der Praxisanteile.
  • Erweiterte Aufgaben für die Pflege: auf Grundlage internationaler Vorbilder vor allem im Bereich der Primärversorgung und in der Betreuung chronisch kranker Menschen.
  • Mit- und Selbstbestimmung der Pflege fördern: Erhalt und Einrichtung von Pflegekammern sollten von den Verantwortlichen in Bund und in den Ländern unterstützt werden. Zudem sollte die Pflege Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss erhalten

Neustart! Zukunftsagenda:
Zukunftsagenda hebt ab

Neustart! Grafik Flieger 2

Die Herausgeberinnen

Bernadette Klapper

Bernadette Klapper


„Die Bürgerinnen und Bürger haben uns gezeigt, dass sie bei Gesundheit an alle denken. Gesundheit wird verstanden als Gemeingut, das es zu bewahren gilt.“

Bernadette Klapper ist Krankenschwester mit berufspraktischen Erfahrungen in verschiedenen Pflegebereichen in Deutschland und Frankreich. Sie hat Soziologie studiert mit Abschlüssen der Universitäten Hamburg und Bordeaux. Nach Promotion in Hamburg und wissenschaftlicher Mitarbeit am Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld trat Bernadette Klapper 2003 in die Robert Bosch Stiftung ein als Projektleiterin für den Förderschwerpunkt „Leben im Alter“. Zwischen 2009 und 2012 war sie als Therapiemanagerin und Leiterin „Klinische Produkte und Dienstleistungen Europa“ (Telemedizinsparte) für die Robert Bosch Healthcare GmbH tätig. 2012 wechselte sie erneut in die Robert Bosch Stiftung und war von 2016 an Bereichsleiterin „Gesundheit“. Seit 2021 ist sie Bundesgeschäftsführerin des DBfK.

Irina Cichon

Irina Cichon


„Im Gesundheitswesen soll der Mensch im Mittelpunkt stehen! Dass diese Selbstverständlichkeit sehr stark in unseren Bürgerdialogen betont wurde, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Gesundheitssystem diese Erwartung oft eben nicht erfüllt. Der stark ausgeprägte Wunsch der Bürger:innen und Patient:innen nach einem solidarischen und gemeinwohlorientierten Gesundheitssystem sowie nach mehr Mitwirkung und Partizipation muss endlich Eingang in die Politik finden.“

Irina Cichon ist Kommunikationswissenschaftlerin mit Abschlüssen der Universitäten Karlsruhe und Twer (Russische Föderation). Nach einer Referententätigkeit in einem internationalen Logistik-Unternehmen trat sie 2007 in die Robert Bosch Stiftung ein. Als Senior Projektmanagerin verantwortete sie bis 2020 im Themenbereich „Gesundheit“ Förderprojekte zur Kooperation der Gesundheitsberufe und zum Interprofessionellen Lernen. Aktuell verantwortet sie das Projekt „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“.

Informationen zum Buch

Neustart! Cover

1. Auflage
Englisch Broschur, 200 mm x 248 mm
627 Seiten
133 farbige Abbildungen, 5 Tabellen
ISBN: 978-3-95466-652-2
69,95 € inkl. 7 % MWSt.